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Diesmal schreibt die Mediatorin Christina Wenz in ihrer Kolumne für das Apothekenmagazin "Unsere besten Freunde" darüber, wie Mediation beim Streit mit dem Tierarzt helfen kann.

Nicht zweifelsfrei

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Unterläuft einem Tierarzt bei der Behandlung eines geliebten Haustiers ein Fehler, ist Ärger mit dem Besitzer schon fast vorprogrammiert. Doch die Frage nach der Schuld ist nicht immer einfach zu klären.

Rita B. hat vor einiger Zeit eine junge Katze aus dem Tierheim zu sich nach Hause geholt. Als das Tier geschlechtsreif wird, entschließt sie sich dazu, ihre Katzendame kastrieren zu lassen. Sie beauftragt ihre Tierärztin, Frau K., welche die Operation in ihrer Klinik durchführt. Während der OP kommt es jedoch zu Komplikationen, und die Katze verstirbt. Als die Tierärztin ihr dies mitteilt, ist Rita B. im ersten Moment so geschockt, dass sie sofort der Beseitigung des Tierkörpers zustimmt, ohne vorher ein Gutachten über die Todesursache in Betracht zu ziehen. Die Tierärztin entschuldigt sich damit, dass der Tod des Kätzchens möglicherweise durch eine nur sehr selten beobachtete Unverträglichkeit des Narkosemittels herbeigeführt wurde und sich somit nicht verhindern ließ.

Einige Tage später, die Frau B. voller Trauer um ihre Katze verbracht hat, kommen ihr immer mehr Zweifel, ob nicht vielleicht doch ein Verschulden der Tierärztin vorliegt. In ihrer Trauer lässt Frau B. dieser Gedanke nicht mehr los und steigert sich so sehr, dass sie die Tierärztin einige Wochen nach der OP voller Wut vor versammeltem Wartezimmer zur Rede stellen möchte. Es kommt zu einem großen Streit in der Tierarztpraxis.

Die Tierärztin ist mittlerweile völlig verzweifelt – ständig wird sie auf die Kastration mit den schrecklichen Folgen angesprochen, manche Kunden haben schon die Praxis gewechselt. Dabei ist sie sich sicher, bei der Kastration alles richtig gemacht zu haben.

Irgendwann weiß sich der Ehemann von Frau B. nicht mehr zu helfen – er sieht, dass sich seine Frau in eine fixe Idee verrennt, und sich nur noch mit dem Tod ihrer Katze und ihrem Rachefeldzug gegen die „schreckliche“ Tierärztin beschäftigt. In einem langen Gespräch versucht er, sie zur Vernunft zu bringen. Und da eine Klärung des Falles vor Gericht nicht mehr in Frage kommt, weil ja der Tierkörper bereits beseitigt wurde und die Frage der Schuld am Tod des Tieres nicht mehr geklärt werden kann, schlägt Herr B. daher den Besuch bei einem Mediator vor – gemeinsam mit Frau K. Herr B. fragt auch bei der Tierärztin nach, und auch diese ist gerne bereit, nach einer friedlichen Lösung zu suchen.

So finden sich die beiden Damen in der Kanzlei einer Mediatorin wieder. Anfangs sieht es nicht so aus, als wäre eine Einigung möglich, Frau B. bleibt auch hier zunächst bei ihren Anschuldigungen. Doch im Gespräch erfährt sie, wie leid auch Frau K. der Tod der Katze tut und wie sehr auch sie die ganze Angelegenheit mitgenommen hat. Sie sieht ein, dass es sich nicht mehr nachvollziehen lässt, was im Endeffekt den Tod der Katze herbeigeführt hat, und dass es durchaus sein kann, dass die Tierärztin tatsächlich keine Schuld trifft. So kommt es, dass Frau B. verspricht, künftig ihre Anschuldigungen gegen Frau K. zu unterlassen. Auch Frau K. kann die Reaktion von Frau B. nun besser nachvollziehen, nachdem sie gesehen hat, wie stark die Dame um ihr Kätzchen getrauert hat, und dass sie in ihrer Verzweiflung einen „Sündenbock“ gesucht hat.

 

Erschienen in: "Unsere besten Freunde - Das Tiermagazin aus Ihrer Apotheke", Nr. 09/2016, S. 12-13